Toulon, 1793: Die Stadt Toulon im Süden Frankreichs, besetzt von 18.000 alliierten Soldaten, unterstützt von Royalisten und bewacht von der britisch-spanischen Flotte. Innerhalb einer Nacht schaffen es die französischen Truppen, die Stadt einzunehmen und die Flotte zu zerstören. Der stellvertretende Artilleriechef Napoleon Bonarparte war daran maßgeblich beteiligt.

So stellt es zumindest der neue Film „Napoleon“ von Ridley Scott dar. Die Tatsache, dass die Stadt bereits seit sieben Tagen belagert wurde, wird ausgelassen. Stattdessen feiern die Belagerer in sorgenloser Stimmung.

Seit dem 23. November läuft der Film in den deutschen Kinos. In dem Film geht es um Napoleon Bonapartes (Joaquin Phoenix) Auf- und Abstieg nach der französischen Revolution, seine Schlachten, aber auch sein Leben abseits des Schlachtfeldes.

Besonderen Fokus legt der Film auf die Beziehung von Napoleon zu seiner Frau Joséphine de Beauharnais (Vanessa Kirby). Hierbei spielt der Briefaustausch zwischen den beiden eine große Rolle. Diese Briefe sind auch heute noch erhalten.

Vanessa Kirby als Joséphine ©2023 Apple

Im Laufe des Filmes werden verschiedene Schlachten Napoleons gezeigt, wie die von Waterloo oder Austerlitz. Einige Schlachten werden durch eine Bildunterschrift samt Datum benannt, bei einigen auch die Zahl der Todesopfer.

Wichtige Schlachten, sogar die Völkerschlacht bei Leipzig, werden dagegen gar nicht beleuchtet. Auch der Russlandfeldzug wird nur kurz und relativ zusammenhangslos dargestellt. Selbst im Abspann, in dem wichtige Schlachten samt Todesopfern aufgelistet werden, fehlt die Völkerschlacht.

Mir war von vornherein klar, dass ich keine akkurate Dokumentation über Napoleons Leben erwarten kann. Über kaum eine historische Figur wurde so viel geschrieben wie über Napoleon und um sein Leben zu beleuchten, braucht es mehr als 2,5 Stunden. Gleichzeitig bietet diese Figur enorm viel Material und ein Leben, das fast schon selbst ein Kinofilm war. Dafür, dass es solche Massen an Material gibt, erlaubt sich der Film dann doch relativ viele Ungenauigkeiten. Zum Beispiel beginnt der Film mit der Hinrichtung Marie-Antoinettes. Eine Person in der Masse wird besonders gezeigt: Napoleon, der zu dieser Zeit aber eigentlich auf der anderen Seite Frankreichs war. Und so geht es weiter, später wird sogar Napoleons Geburtsdatum falsch genannt.

Allgemein werden historische Zusammenhänge eher stiefmütterlich behandelt. Wenn man nicht über ein gewisses Maß an Vorwissen verfügt, dann versteht man wenig von dem, was außerhalb Frankreichs passiert. Napoleons große Rolle auf ganz Europa wird kaum angeschnitten, eher wirkt er politisch sehr auf das französische Genie beschränkt, ständig ist er in irgendwelchen Schlachten und Friedensverhandlungen. Wie weit sein Imperium reicht und welche gesellschaftlichen Auswirkungen er hat, wird allerdings nie klar.

Das Ganze wirkte auf mich eher wie ein loser Zusammenschnitt verschiedener Lebensereignisse. Plötzlich steht er in Ägypten, später im Film bricht er fast willkürlich nach Russland auf. Große Lücken werden gelassen, die dann irgendwie mit privaten Szenen aufgefüllt werden.

©2023 Apple

In dem Film wird Napoleon nicht als strahlender Held, sondern mehr als eine komische, fast alberne Figur dargestellt. Selbstverständlich lebt niemand mehr, der Napoleons Charakter kannte, doch laut Historikern wie Thomas Schuler wird ihm die Darstellung im Film nicht gerecht. Gerade in den Szenen, in denen er nicht auf dem Schlachtfeld steht oder auf Konferenzen ist, macht er keine gute Figur. Doch auch in den anderen Szenen merkt man kaum etwas von seiner Seite als Kaiser. Anfangs mochte ich die Idee eines Napoleons, der kein ganz so strahlender Held ist, wie er vielleicht manchmal idealisiert wird. Die Szenen, in denen er dann doch strahlt, bleiben allerdings aus. Selbst im Moment des größten Triumphes bleibt er ein mürrischer und in sich gekehrter Mann. Von den Merkmalen, die ihn zu so einem mächtigen Herrscher machten, sieht man wenig, die Strategien Napoleons bleiben unangetastet. Wenig sieht man vom Erfolg auf dem Schlachtfeld, die wenigen gezeigten Siege weichen sehr schnell verheerenden Niederlagen. Selbstverständlich ist die Heldeninszenierung keine Pflicht und eine Dekonstruktion dieser Einstellung zu Napoleon ist eigentlich eine gute Idee. Trotzdem darf die historische Akkuratesse nicht darunter leiden. Wieso das Ganze so inszeniert wurde, bleibt unklar. Eine Begründung könnte einfach die Zeit sein. Vielleicht merkte man ab einem bestimmten Punkt, dass Napoleons Niedergang schnell eingeleitet werden müsste, damit der Film nicht zu lang wird. Der französische Historiker Patrice Gueniffey bezeichnet den Film dagegen als „antifranzösischen Film eines Engländers“ [1]. Ob dies wirklich die Absicht des Regisseurs war, ist offen. Aus seiner Meinung von Napoleon macht Scott allerdings keinen Hehl: In einem Interview verglich er Napoleon mit Hitler oder Stalin [2]. 

Technisch wurde der Film extrem gut umgesetzt. Qualitativ hochwertige Shots, epische (wenn auch chaotische) Schlachten und authentische Kleidung. Doch dem Film fehlt es an einem Zusammenhang. Die einzige Geschichte, die wirklich erzählt wird, ist die zwischen Joséphine und Napoleon, doch dafür liegt das Hauptaugebmerk dann doch nicht genug auf ihrer Beziehung.

Ich muss allerdings sagen, dass ich nicht unglücklich aus dem Film gegangen bin. Gerade im Kino erzielte er eine gewisse Wirkung, die mich durchaus beeindruckte. Viele Fehler, die Auslassungen und das verschenkte Potenzial stören mich in der Retroperspektive dafür umso mehr.

An sich bin ich nicht gegen eine freiere Interpretation von Napoleon und seiner Geschichte. Wie ich bereits sagte, erwartete ich von Hollywood keine Doku, die Stunden des Geschichtsunterrichts aufwiegt. Doch vor allem, da der Film keine eigene Geschichte schreibt, kann er nicht alleine für sich stehen. Er ist abhängig von der realen Vergangenheit, doch dazu werden sich zu viele Freiheiten genommen. Vielleicht schafft es der später erscheinende vierstündige Director’s Cut,  die Lücken zu füllen, vielleicht aber auch nicht. Der Kinofilm schaffte es auf jeden Fall nicht, mich zu überzeugen.

[1]: Interview mit Patrice Gueniffey im Le Point: https://www.lepoint.fr/culture/patrice-gueniffey-napoleon-c-est-le-film-d-un-anglais-tres-antifrancais-14-11-2023-2543097_3.php#11 (zuletzt aufgerufen am 02.12.2023).

[2]: Ridley Scott im „Empire“: https://www.empireonline.com/movies/news/ridley-scott-napoleon-psyche-emperor-exclusive-image/ (zuletzt aufgerufen am 02.12.2023).

Titelbild: ©2023 Apple

Von Jonathan

Ein Gedanke zu “Filmrezension zu „Napoleon“”
  1. Ich kann mich in fast allen Punkten anschließen. Geschichtlich hat der Film, vor allem für militärhistorisch Interessierte, mehr oder weniger gar nichts zu bieten. Dem Versuch Napoleon nicht nur als strategisches Genie darzustellen, kann ich viel abgewinnen. Doch so wie Napoleon in diesem Film skizziert wird, ich wähle diesen Begriff bewusst denn es fehlt jeglicher begründende Tiefgang , fällt es mir schwer diesem jämmerlichen Miesepeter die Gründung eines riesigen Kaiserreiches zuzutrauen. Also verfehlt der Film auch hier sein Ziel. Das sehr viele und sehr wichtige Kapitel seiner Herrschaft komplett außen vor gelassen werden, drängt die Frage auf warum man dann in andere belanglosere Dinge mehr Aufwand gesteckt hat. Vielleicht bin ich auch mit einer falschen Erwartung in diesen Film gegangen. Aber aif ner Skala von 1 bis 10 kommt dieser Film für mich über eine 4
    nicht hinaus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert