Ein fiktives Tagebuch von der Penzberger Mordnacht
Kirsten Boies im Jahre 2021 im Verlag Oetinger erschienener Jugendroman „Dunkelnacht“ erzählt in Form eines Tagebuchs die Geschehnisse der Penzberger Mordnacht nach, bei der sechzehn Menschen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs von NS-Anhängern ermordet wurden. Die wahre Geschichte wird dabei um die fiktive Beziehung zwischen Schorsch und Marie ergänzt.
„Mordnacht“ spielt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in der Kleinstadt Penzberg, südlich von München. Das Ende des Krieges ist absehbar, die amerikanischen Truppen stehen kurz vor dem Ort. Im Radio wird von der Freiheitsaktion Bayern verkündet: „Alle Bürgermeister aus der Zeit vor 1933 [Anm. d. Red.: Gemeint ist die Machtergreifung Hitlers und der Beginn der NS-Diktatur] sind aufgefordert, die Ordnungsmacht in den Rathäusern wieder zu übernehmen.“ Daraufhin machen sich Hans Rummer, ehemaliger Bürgermeister, Ludwig März, Kommunist, und Sebastian Reithofer (Wastl), Vater von Marie, auf den Weg, um eine geordnete Übergabe der Stadt ohne Tod und Verwüstung auf den Weg zu bringen.
Boie schreibt dieses Buch für jüngere Leser*innen der Klassenstufen 8 bis 10, „weil die Verbrechen des Nationalsozialismus bei vielen Jugendlichen mehr und mehr in Vergessenheit geraten“ (Nachwort S. 116). Das Buch ist in zwei Kapitel – Mordtag und Mordnacht – unterteilt und enthält am Ende eine Namensliste der Opfer sowie Worterläuterungen. Wie ein Tagebuch weist es dabei als Überschrift die Zeit- und Ortsangaben auf und nennt alle wichtigen Charaktere. Es sind sehr kurze Abschnitte von meist nur ein bis zwei Seiten. Die Verständlichkeit wird durch einen Erzähler gefördert, der die Gedanken verschiedener Charaktere einfließen lässt.
Über die gesamte Handlung bleibt es dabei sehr spannend, da auch der reale Zeitverlauf sich bloß über die Tage über den 28. und 29. April 1945 erstreckt und Boie das historische Material gut verwertet. Nebenbei baut sie die Beziehung zwischen Schorsch und Marie ein, der in sie verliebt ist. Dies schmückt den düsteren Rahmen aus und trägt Sorge dafür, dass „Dunkelnacht“ ein Roman und kein Sachbuch ist. Trotz der Geschehnisse um Schorsch herum, denkt er immer an Marie – „wird sie wirklich rot, oder wünscht er sich das nur? Jetzt nur nicht einen Fehler machen. Ihr nicht zu nah kommen, nicht zu früh“ (S. 33).
Der geschichtliche Hintergrund erfordert einen sensiblen Umgang, dem wird Boie gerecht. Sie verarbeitet die Stimmung der Zeit, in welcher viele Bürger im Deutschen Reich noch an einen „Endsieg“ glaubten, dem Führer und dem Tausendjährigen Reich ihre ewige Treue schwörten. Hervorzuheben ist dabei, dass es am Ende sechs Seiten mit ausführlichen Erläuterungen und Definitionen der wichtigsten Organisationen und geschichtlichen Ereignisse gibt, um jedem ein Verstehen zu ermöglichen.
„Dunkelnacht“ empfehle ich dringendst zu lesen, denn wie Boie sagt: „Solange diese Taten im Gedächtnis bleiben, […] sehen wir mit einem anderen Blick auch auf das, was heute geschieht, […] und treffen Entscheidungen vor diesem Hintergrund anders, vorsichtiger, vielleicht sogar menschlicher“ (Umschlag des Buches). Das Buch ist für Leser*innen der Mittelstufe gedacht, aber auch als Älterer habe ich es gerne gelesen – und wer kurze Bücher mag, der ist hier genau richtig. Wer auch Schwierigkeiten hat, sich viele Namen zu merken, für den empfiehlt es sich, die Namen und ihre Rolle zu notieren.
„Dunkelnacht“ ist in der Schulbibliothek Tintenwelt ausleihbar.
Vielen Dank für die gut gelungene Rezension, die neugierig macht!
Kirsten Boie ist übrigens eine ehemalige Schülerin des Margaretha-Rothe-Gymnasiums, genauer gesagt von einer unserer zwei Vorgängerschulen, dem Elise-Averdieck-Gymnasium. Anlässlich unseres vierzigjährigen Jubiläums hat sie 2010 einen Festvortrag gehalten, den man unter https://www.kirsten-boie.de/wp-content/uploads/2020/11/festvortrag-margaretha-rothe-gymnasium.pdf nachlesen kann.
Danke Ihnen! In den nächsten Monaten erscheinen weitere spannende Rezensionen …