Die Vereinigten Staaten von Amerika – Man würde denken, dass die kulturellen Differenzen zwischen diesem Industriestaat und unserem nicht so prägnant sind, wie sie es vielleicht anderswo auf der Welt wären. Allerdings durfte ich in den vier Monaten, die ich bis jetzt im Bundesstaat Maine verbracht habe, erleben, wie unterschiedlich die Kulturen und der (Schul-)Alltag sind.

Am 21. August 2025 begann mein Austauschjahr in den USA. Für ein Schuljahr gehe ich in der Morse High School in Bath, Maine zur Schule und bin Teil des Schullebens. In einer Beitragsserie möchte ich zum Gedanken des Kulturaustauschs beitragen, indem ich meine Erlebnisse und Eindrücke teile.

Obwohl ich seit meiner Ankunft schon auf viele Überraschungen gestoßen bin, waren die ersten Erfahrungen mit der US-High School die interessantesten. Was man vorher nur aus Filmen, Erzählungen und Serien kannte, durfte ich aus erster Hand beobachten und miterleben. In diesem Beitrag werde ich von meinem ersten Schultag an meiner neuen High School berichten und die (unerwarteten) Unterschiede zum Margaretha-Rothe-Gymnasium und dem deutschen Schulsystem benennen.

Das System an US-amerikanischen weiterführenden Schulen ist grundlegend anders als das deutsche. Es gibt keine Klassenverbände, die ganze High School besteht aus Wahl(pflicht)kursen. Um seinen High School Abschluss zu bekommen, muss man eine bestimmte Anzahl an “Credits” (Leistungspunkte) in verschiedenen Bereichen erreichen. Diese Credits kann man mit allen möglichen Kursen in verschiedenen Kategorien sammeln. Dabei ist es Gang und gäbe, dass Schüler*innen während ihrer Schuljahre neun bis elf alle möglichen Kurse belegen, um in ihrem “Senior”-Jahr, sprich dem 12. Schuljahr, so viele Freistunden wie möglich zu haben und nur ein paar obligatorische mindestangeforderte Fächer zu belegen. Denn nur im Abschlussjahr sind die Freistunden auch wirklich Freistunden. In den Jahren zuvor wird jeder freie “Block” mit einer “Study Hall” überbrückt, in welcher man unter der Aufsicht einer Lehrkraft machen kann, was man will (im besten Fall etwas schul-relevantes).

Diese Fächer reichen von “Adulting 101”, sozusagen Grundlagen des Erwachsenseins, über “Fotografie” bis zu “Calculus” (eng. für “Kalkül”, welches vom Teilgebiet Analysis der Mathematik handelt) und anderer herausfordernden Wissenschaften. 

Die Mindestanforderungen an Credits erreicht man aber problemlos, ohne einmal über diese fordernden Fächer nachgedacht zu haben. Abhängig davon, ob und auf welches College man gehen möchte, sind diese Fächer jedoch nicht bedeutungslos.

©Morse Highschool (https://mhs.rsu1.org/) abgerufen am 20. November 2025

Der dritte September war mein erster Schultag. Bereits bevor ich das Schulgebäude betrete, sehe ich die gelben Schulbusse, eine rieisige Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika, eine Flagge des Bundesstaats Maine und dutzende Schüler*innen, die eigenständig mit dem Auto auf dem großen Schüler*innenparkplatz parken. Meine Gasteltern müssen mich mit dem Auto zur Schule fahren, da ich in der Nachbarstadt lebe und mich dort kein Bus abholt. Ich betrete das Schulgebäude, welches von Schüler*innen, ausgenommen von den Seniors, bis zum Ende des Schultages nicht mehr verlassen werden darf. Zudem gibt es ausgenommen vom Lunch keine Pausen und man hat nur fünf Minuten Zeit zwischen den Stunden, um zum Raum der nächsten Lehrkaft zu gehen, denn es gibt keine Klassenräume, weshalb die Lehrkräfte ihre eigenen Räume haben. An der Morse High School sind die Längen der Stunden unterschiedlich. Diese sind so angeordnet, dass Schüler*innen passend in zwei Mittagspausen eingeordnet werden können und Fächer sich nicht überschneiden. 

©Morse Highschool (https://mhs.rsu1.org/) abgerufen am 4. Dezember 2025

Am Eingang wird man von der Schulleitung begrüßt, wie an jedem Morgen, und gefragt, ob man ein Handy dabei habe. Ich kriege eine “Yondr”-Tasche, mit der ich mein Handy wegschließen muss, diese Tasche kann ich nur mit einem bestimmten Magneten, mit welchem uns die Schulleitung und andere Lehrkräfte am Ausgang wie zu Schulbeginn begegnen, am Ende des Schultages wieder öffnen. Es ist erst das zweite Schuljahr dieser Regelung an der Morse High School. Es ist Schulen und Schuldistrikten in Maine selbst überlassen, wie sie den Umgang mit Handys regeln wollen. Andere Staaten haben bereits Gesetze, die Handyregelungen im Bundesstaat genauer definieren.

In meiner “Advisory Class”, die Schüler*innen nur am ersten Schultag des Schuljahres und, aus organisatorischen Gründen, vor Schulvollversammlungen besuchen, wird mir neben Wanderwegen auch der McDonald’s in der Nähe der Schule vorgeschlagen – danke.

Zeitnah bewegen sich die Jahrgänge in chronologischer Reihenfolge zur Schulvollversammlung in das große Theater. Der Senior Jahrgang darf als letztes das Theater unter musikalischer Begleitung betreten und es später als erster Jahrgang auch wieder verlassen. Zusammen singen die meisten den schuleigenen Song und sagen, auf die USA-Flagge guckend, die Pledge of Allegiance, ein (nicht verpflichteter) Treueschwur, den Schüler*innen aller Jahrgangsstufen zum Beginn des Schultages aufsagen sollen, auf. In jedem Klassenraum hängt eine Flagge, damit die Schüler*innen und Lehrer*innen bei der “Pledge” auf sie gucken können. Zudem testet das Kollegium, welcher der vier Jahrgänge am lautesten schreien kann, weshalb einige Schüler*innen oder Lehrer*innen bei solchen Versammlungen Ohrstöpsel dabei haben.

“Lunch” und Frühstück sind an der Morse High School umsonst, aber nur, wenn man zu seiner Mahlzeit eine Frucht oder einen Saft nimmt, um Familien finanziell zu entlasten und Schüler*innen zu motivieren, gesund Mittag zu essen. Jeden Tag gibt es eine neue rotierende Mahlzeit, aber auch Chickennuggets, Pizza und Burger als Optionen. Eis und einige Süßgetränke kann man auf eigene Kosten dazu kaufen. Wenn man nett zu den “Lunch-Ladies” ist, dann profitiert man davon oft mit größeren Portionen. Am Tisch sitzend sehe ich einige uniformierte Soldaten an uns vorbeilaufen, die von Schüler*innen gegrüßt werden, weil die Soldaten öfter zur Rekrutierung hier sind und man sich kennt.

Im Unterricht liegen Laptops – meistens sogenannte “Chromebooks” – auf jedem Tisch. Jede*r Schüler*in kriegt eins von der Schule gestellt, einige haben ihre eigenen Geräte dabei. Die Digitalisierung, ein Schreckwort für staatliche Einrichtungen in Deutschland, ist hier fortgeschritten, das meiste wird hier über “Google Classroom” oder das Schulportal “Infinite Campus” geregelt. Das bedeutet, dass auch Benotungen von Hausaufgaben, Tests oder Klausuren hier in wenigen Tagen eingetragen und einsehbar sind. In den Bereichen außerhalb der Klassenräume sind überall Fernseher, auf denen Ankündigungen, anstehende Veranstaltungen oder die Uhrzeit angezeigt werden. 

Das Schulgebäude ist außerdem neben normalen Schultoiletten auch mit Einzeltoiletten ausgestattet. Zudem gibt es kostenlose Periodenprodukte in den meisten Schulzimmern und allen passenden Toiletten. Vor jeder Schultoilette und in den “Commons”, also den Gemeinschaftsbereichen, wo auch Mittag gegessen wird, gibt es Trinkbrunnen und Wasserspender zum Auffüllen von Wasserflaschen. 

Nach einem eindrucksvollen ersten Schultag, stehen alle bereits vor der Klingel an der Tür des Raumes, um sofort das Gebäude zu verlassen und den Stau bei der Ausfahrt zu vermeiden. 

Mein erster Schultag an der Morse High School endete mit vielen Eindrücken und ich benötigte etwas Zeit, um alles zu verarbeiten, während es für alle anderen ein normaler Schultag gewesen war. In folgenden Beiträgen werde ich mit meinen eigenen Eindrücken den Schulalltag, der weit über den Schulschluss um 14:05 Uhr hinaus geht, und die amerikanische Kultur mit Festen wie Halloween und Thanksgiving beschreiben.

Yunis’ erster Schultag war am 03. September 2025.

Von Yunis

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